Die Sache mit den Zahlen
- Madeleine Dumhart

- vor 19 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Über schwedische Möbel, Geschwindigkeitsbegrenzungen und die erstaunliche Fähigkeit meines Gehirns, bei Zahlen sofort in den Energiesparmodus zu wechseln.

Neulich war ich beim Optiker.
Eigentlich wollte mein Mann nur schnell die Gläser seiner Sonnenbrille tauschen lassen.
Eigentlich.
Eine halbe Stunde später hatten wir beide gefühlt zwanzig Brillenfassungen probiert und ich saß plötzlich selbst im Kammerl beim Sehtest.
Bis dahin lief alles wunderbar.
Dann wollte mir die Optikerin erklären, warum eine Gleitsichtbrille optimal für mich wäre und welche Dioptrien ich eigentlich brauche oder welche ich stattdessen noch wählen könnte.
„Also da haben wir 1,25 … dazu kommen 2,0 … in der Ferne passt 0,75 … aber links ist es etwas anders …“
Sie redete weiter.
„… plus … minus … Zylinder … Addition …“
Ich nickte freundlich.
Sehr freundlich.
Nicht, weil ich verstanden hatte.
Sondern weil ich irgendwann beschlossen hatte, dass wir beide unterschiedliche Hobbys haben.
Sie erklärte Zahlen.
Ich tat so, als wäre ich noch dabei.
Ich mag übrigens auch keine Bedienungsanleitungen.
Das ist keine kleine Schwäche.
Das ist eine Charaktereigenschaft.
Sobald irgendwo Schritt 1 von 47 steht, verabschiedet sich mein Gehirn höflich und zieht sich in eine Gegend zurück, in der es keine Zahlen, keine Explosionszeichnungen und keine Schrauben mit Buchstaben gibt.
Schritt 1.
Schritt 2.
Schritt 3.
Schritt 4.
Vier kleine Zahlen.
Und trotzdem denke ich: Das wird nichts mit uns.
Mit Zahlen habe ich es generell nicht so. Unsere Beziehung ist höflich, aber aussichtslos.
Das habe ich auch bei Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht besonders kostenschonend herausgefunden.
Bei den Möbeln einer schwedischen Möbelkette ist das besonders sichtbar.
Ich öffne den Karton, sehe 1000 Teile und denke:
Wer hat dieses Möbelstück geschreddert?
Dann schaue ich auf die Anleitung.
Ein Männchen zeigt auf ein Brett. Ein Pfeil zeigt auf ein Loch. Daneben steht eine Zahl. Ich nicke, als hätte ich verstanden, und mache irgendetwas mit einem Inbusschlüssel, das sich in dem Moment richtig anfühlt.
Am Ende steht das Möbelstück meistens.
Mehr oder weniger.
Und es bleiben Teile übrig.
Nicht ein Teil.
Teile.
Ich sage dann innerlich immer Sätze, wie:
„Das war sicher Reserve.“
„Die geben immer zu viel dazu.“
„Das wirkt stabil genug.“
Meine Familie kommt dann dazu und schaut so, wie Menschen schauen, wenn sie innerlich bereits den Notdienst für Billlly-Regale verständigen.
Bei Elektroprodukten ist es nicht besser.
Ich kann schöne Dinge gestalten. Ich verstehe Form, Material, Haptik, Proportion, Stimmung. Ich bin Industrie Designerin.
Nur nicht, wenn etwas blinkt und ein Benutzerhandbuch hat.
Sobald mir jemand erklärt, ich müsse zuerst das Gerät mit dem WLAN verbinden, dann fünf Sekunden einen Knopf gedrückt halten und danach eine App öffnen, bin ich weg.
Körperlich noch da.
Innerlich bereits am Meer.
Mein Mann kann mir morgens etwas erzählen wie: „Wir müssen dann nur noch schauen, ob das Kabel mit 230 Volt eh über den Adapter läuft und die Seriennummer mit der Rechnung übereinstimmt.“
Und ich höre:
„Wir müssen dann nur noch schauen, ob das Kabel mit …“
Dann Nebel.
Dann Vogelgezwitscher.
Dann denke ich an ein Kleid.
Mein Hirn schützt sich. Es klappt die Fensterläden zu und sagt:
„Nein danke. Wir sind heute dekorativ, nicht technisch.“
Mein Gehirn hat den Chat verlassen.
Als Industrie Designerin finde ich: Ein Produkt sollte so gut sein, dass man keine Doktorarbeit braucht, um es zu benutzen.
Wenn ich erst ein Faltblatt auseinanderklappen muss, das größer ist als mein Esstisch, hat nicht mein Gehirn versagt.
Dann hat das Produkt ein Kommunikationsproblem.
Gutes Design erklärt sich selbst.
Es lädt ein. Es führt. Es ist logisch.
Natürlich gibt es Grenzen.
Aber muss die Komplexität so aussehen, als hätte jemand eine technische Zeichnung mit einer Steuererklärung gekreuzt?
Ich glaube nicht.
Dann kommt mein Mann.
Oder mein Sohn.
Oder jemand aus der Familie, der keine emotionale Abneigung gegen Nummern hat.
Sie drücken drei Knöpfe und sagen:
„Geht ja eh.“
Geht ja eh.
Dieser Satz.
So kurz. So österreichisch. So demütigend.
Ich wollte nur Licht einschalten.
Oder Musik hören.
Oder ein Regal aufbauen, ohne dass am Ende drei Schrauben übrig sind und mein Selbstvertrauen irgendwo im Karton liegt.
Meine persönliche Designphilosophie ist daher recht einfach:
Wenn ein Mensch sich dumm fühlt, während er ein Produkt benutzt, ist nicht unbedingt der Mensch das Problem.
Manchmal ist das Produkt einfach schlecht erzogen.
Und bis die Welt das verstanden hat, werde ich weiter Anleitungen ignorieren, Zahlen ausweichen und bei Selbstbau-Möbeln so tun, als wären übrig gebliebene Teile ein Zeichen von Effizienz.
Reserve.
Ganz sicher Reserve.


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