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Warum Ohrringe keine Frage der Vernunft sind

  • Autorenbild: Madeleine Dumhart
    Madeleine Dumhart
  • 25. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Juni


Über kleine Accessoires, große Persönlichkeitsfragen und die Tatsache, dass ein Outfit manchmal erst ab dem Ohr Sinn ergibt.


Künstlerische Collage, bunte Ohrringe und Blumen

Es gibt Sätze, die einfach nicht stimmen

.„Du hast doch schon genug Ohrringe“ ist einer davon.


Das ist kein Satz. Das ist ein Angriff.

Denn Ohrringe sind nicht einfach Schmuck. Ohrringe sind kleine Persönlichkeitsverstärker. Sie hängen links und rechts am Kopf und sagen Dinge, für die man selbst manchmal zu müde ist.

„Ich bin heute elegant.“

„Ich bin heute gefährlich.“

„Ich bin heute kreativ.“

Oder: „Ich habe zwar nur vier Stunden geschlafen, aber meine Ohrläppchen haben einen Plan.“


Man kann ein weißes T-Shirt tragen, eine Jeans, Haare irgendwie, Gesicht noch nicht ganz online — und dann kommen die richtigen Ohrringe. Zack. Aus „Ich bringe nur schnell den Müll raus“ wird „ich könnte zufällig in Mailand fotografiert werden“.


Das ist die stille Macht guter Accessoires.

Und trotzdem gibt es Menschen, die glauben, Ohrringe seien austauschbar. Das sind meistens dieselben Menschen, die auch denken, Schwarz sei einfach Schwarz und Beige sei halt Beige. Also Menschen, denen man mit viel Liebe begegnen muss. Und eventuell mit Abstand.


Denn natürlich braucht man verschiedene Ohrringe. Kleine für Tage, an denen man so tun möchte, als wäre man dezent. Große für Tage, an denen man nicht dezent sein möchte, aber behauptet, es sei „nur ein kleiner Akzent“. Goldene, weil sie alles wärmer machen. Silberne, weil manche Outfits sonst beleidigt sind. Bunte, weil das Leben nicht immer in Naturtönen dekoriert werden kann. Und diese eine Sorte, die man kauft, obwohl sie schwer ist wie ein sehr kleines Kronleuchtermodell, aber man sagt: „Ach, für zwei Stunden geht das schon.“


Spoiler: Es geht nicht.

Aber schön war es.

Ohrringe sind ja auch Erinnerungen. Manche kauft man im Urlaub, in einem kleinen Geschäft, in dem man eigentlich nur schauen wollte. Das ist bekanntlich der gefährlichste Satz im Einzelhandel. „Ich schau nur“ ist die Ouvertüre zu „Kann ich mit Karte zahlen?“

Andere Ohrringe kauft man für ein Kleid. Oder für eine Stimmung. Oder für die Frau, die man an diesem Abend sein möchte. Das ist vielleicht überhaupt das Schönste daran: Ohrringe können eine Version von uns hervorholen, die schon da ist, aber manchmal ein bisschen Glanz braucht, um sich zu melden.


Die souveräne Version.

Die verspielte.

Die italienische.

Die leicht dramatische.

Die Frau, die in einem Raum steht und nicht fragt, ob sie zu viel ist.


Ich glaube, jeder Mensch hat ein Accessoire, das mehr über ihn erzählt als ein Lebenslauf. Bei manchen ist es die Uhr. Bei anderen der Schal. Bei mir könnten es durchaus Ohrringe sein. Kleine mobile Moodboards, die am Kopf baumeln und dem Tag erklären, in welche Richtung es heute zu gehen hat.

Und ja, manchmal verheddern sie sich in den Haaren. Manchmal verschwinden sie einzeln, wahrscheinlich in derselben Dimension wie Haargummis, Ladekabel und der eine wichtige Zettel. Manchmal findet man nur einen und hebt ihn trotzdem auf, weil man ja nie weiß. Vielleicht kommt der andere zurück. Vielleicht hat er nur eine Auszeit genommen. Vielleicht lebt er jetzt mit einer Socke zusammen.


Natürlich könnte man sagen: Braucht man wirklich so viele?

Und ich könnte antworten: Braucht man wirklich sieben verschiedene Küchenmesser, drei Streamingdienste oder eine eigene Schublade für Kabel, von denen niemand weiß, wozu sie gehören?


Eben.


Ohrringe nehmen kaum Platz weg, machen keinen Lärm und verlangen keine emotionale Betreuung. Sie liegen einfach da und warten auf ihren Auftritt. Das ist mehr, als man von manchen Zimmerpflanzen behaupten kann.


Vielleicht geht es bei Ohrringen am Ende gar nicht um Schmuck.

Vielleicht geht es um die kleine tägliche Entscheidung, dem Leben nicht ganz ungeschmückt gegenüberzutreten. Auch dann nicht, wenn der Kalender nervt, die Haare diskutieren und der Alltag schon wieder glaubt, er wäre die Hauptfigur.


Manchmal reicht ein Paar Ohrringe, um sich zu erinnern:

Ich bin nicht nur zuständig.

Ich bin nicht nur praktisch.

Ich bin nicht nur eh da.

Ich bin auch Glanz

.Ich bin auch Stil.

Ich bin auch ein bisschen Drama in Gold.


Und davon kann man wirklich nie genug haben.


 

 

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