Die Königin von Undone
- Madeleine Dumhart

- 18. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Über eine Hochzeitsmesse, große Versprechen und den Moment, in dem man merkt, dass „natürlich“ ein erstaunlich dehnbarer Begriff ist.

Ich mag Messen nicht besonders.
Sagen wir es freundlich: Mein Nervensystem und Messehallen haben unterschiedliche Vorstellungen von einem gelungenen Nachmittag.
Zu viele Menschen. Zu viel Licht. Zu viele Roll-ups.
Zu viele Gespräche, die mit „Darf ich Ihnen kurz…“ beginnen und selten kurz enden.
Aber ich war auf einer Hochzeitsmesse.
Nicht mit großem Auftrag. Nicht mit Moodboard. Nicht mit einer Mappe voller Inspirationen. Ich bin eher hineingepurzelt. Man wächst ja mit seinen Aufgaben.
Und dann wollte ich im Eifer des Lichts und der Lautstärke nur schnell etwas testen.
Die Stylistin wartete gerade einsam vor ihrem Spiegel und ich dachte:
“Ja, why not?”
Ich könnte das ja mal probieren. Ganz harmlos. Unverbindlich.
Einfach mal sehen wie die Stylistin mich inspirieren würde.
Also setzte ich mich in Begleitung meiner Freundin zu der Stylistin an den Spiegel.
Ich wollte eine lockere, natürliche Brautfrisur. Nichts Großes.
Einfach schön, leicht, sehr natürlich.
Die Stylistin nickte verständnisvoll.
Sie machte diesen professionellen Gesichtsausdruck, der sagt: „Vertrau mir.“
Und genau dort begann die Geschichte.
Die Frau hatte Energie.
Sehr viel Energie.
Sie begann zu reden.
Mit mir.
Mit meiner Freundin.
Mit der Frau am Nachbarstand. Mit einer Braut hinter uns.
Mit jemandem, der zufällig vorbeiging.
Mit dem Universum.
Zwischendurch erinnerte ich sie immer wieder kurz daran, dass ich noch bei ihr am Spiegel saß. Und bekam kurze Aufmerksamkeitsfetzen von ihr. Das waren schöne Momente. Sehr selten, aber schön.
Ich saß da, leicht ausgeliefert, mit halb hochgesteckten Haaren und diesem Gesichtsausdruck, den Frauen beim Friseur manchmal haben, wenn sie innerlich schon wissen: Wir sind zu weit gegangen, aber es gibt kein Zurück.
Sie erklärte mehrmals, sie sei die Königin von Undone und deshalb genau richtig für mich und meinem Wunsch nach Natürlichkeit.
Oder der Profi.
Vielleicht auch beides.
Und dann kam der Dutt.
Ein Dutt ist ja grundsätzlich nichts Schlimmes. Ich liebe Dutt. Wirklich.
Er ist mir vertraut, mein legerer Alltagsbegleiter.
Dieser Dutt war anders.
Er wurde gezupft. Gerissen. Gelockert. Aufgeraut. Belebt. Wieder zerstört. Wieder aufgebaut. Dann noch einmal gezupft, weil, wie sie sagte:
„Wir wollen ja nicht, dass du aussiehst wie eine Printschess.“
(Sie meinte damit wohl eine Prinzessin.)
Nein.
Das wollten wir wirklich nicht.
Aber ich hatte auch nicht ausdrücklich darum gebeten, so auszusehen als ich hätte unterwegs mit einem Strauch gerauft.
Links und rechts zauberte sie mir noch zwei fette Korkenzieherlocken.
Nicht sanft fallende Strähnen im Beach Look.
Korkenzieher.
So kleine dekorative Telefonkabel aus Haar. Links eines. Rechts eines. Sehr entschlossen. Sehr 1998. Sehr: „Wir haben da vorne noch etwas gebraucht.“
Sie zupfte dann noch einmal wild am Dutt und sagte etwas über Natürlichkeit, Undone und dass es nicht 'zu gemacht' aussehen dürfe.
Da hatte sie recht.
Gemacht sah es wirklich nicht aus.
Eher passiert.
Und vielleicht war genau das der Moment, in dem ich verstand: Manche Menschen verwechseln Natürlichkeit mit Kontrollverlust.
Ich wollte locker.
Sie gab mir: vom Winde verweht.
Ich wollte einfach.
Sie gab mir: emotionaler Dachbodenfund.
Ich wollte undone.
Sie gab mir: nie angefangen.
Man muss ihr lassen: Sie hat geliefert. Nur halt in eine andere Richtung.
Vielleicht war es auch meine Schuld. „Natürlich“ ist ein gefährliches Wort. Für die eine bedeutet es weiche Wellen und ein bisschen Leichtigkeit. Für die andere bedeutet es offenbar: Wir geben dem Chaos völlige Freiheit und hoffen, dass es verantwortungsvoll damit umgeht. Den Haaren geben wir den Raum, sich selbst zu finden.
Ich schaute in den Spiegel.
Meine Freundin schaute in den Spiegel.
Dann schaute sie mich an.
Und ich schaute zurück.
Es war einer dieser Blicke, bei dem man sofort weiß:
Wenn jetzt eine von uns nur ein Wort sagt, ist alles vorbei.
Mir drückte es schon die Tränen aus den Augen vor Lachen.
Aber ich wollte die Fassung noch nicht verlieren.
Noch nicht.
Nicht vor der Stylistin, dieser Königin von Undone.
Also saß ich da. Tapfer. Höflich. Innerlich bereits am Boden.
Am Ende stand ich auf, bedankte mich höflich, weil man das so macht, wenn man innerlich schon einen Notausgang sucht, und ging mit meiner Freundin weiter.
Der Dutt wackelte leicht.
Die Korkenzieherlocken auch.
Meine Würde hielt sich tapfer.
Und ich dachte: Gut. Wieder etwas gelernt.
Nicht jede Messe ist eine Inspiration.
Manche sind ein Warnhinweis mit Haarspray.
Und nicht jeder Mensch, der „Undone“ sagt, meint damit lässig.
Manche meinen: Vogelnest, aber mit Selbstbewusstsein.


Kommentare