Kissen als textile Lebensentscheidungen
- Madeleine Dumhart

- 8. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Mai
Über Kissen, die vielleicht nie wieder gebraucht werden — außer genau morgen, wenn das Leben plötzlich Koralle verlangt.

Ich habe viele Kissen.
Nicht ein paar.
Viele.
Es gibt neutrale Kissen, bunte Kissen, Samtkissen, Sommer-Kissen, Winter-Kissen, Kissen mit Fransen, Kissen ohne Fransen, Kissen aus einer mediterranen Phase und Kissen aus einer kurzen, aber intensiven „Vielleicht braucht das Wohnzimmer mehr Senfgelb“-Phase.
Aber weggeben?
Schwierig.
Denn ein Kissen ist ja nicht einfach ein Kissen. Ein Kissen ist Stimmung. Farbe. Energie. Möglichkeit.
Ein pinkes Kissen aufs Sofa und plötzlich ist Sommer.
Ein dunkelgrünes dazu und schon wird das Wohnzimmer ein Boutique-Hotel.
Ein brombeeriges Samtkissen und der Raum sagt: Ich habe Gefühle, aber geschmackvoll.
Wie soll man sich davon trennen?
Das ist nicht Stoff mit Füllung.
Das ist Atmosphäre mit Reißverschluss.
Mein Problem ist nur: Die Atmosphäre hat inzwischen Lagerbedarf.
Der Abstellraum geht über.
Da liegen sie.
Gestapelt. Gedrückt. Farbig. Bereit.
Kissen, die zu einem Sofa passen, das wir nicht mehr haben. Kissen, die zu einer Wandfarbe passen, die längst überstrichen wurde.
Und sobald ich eines in die Hand nehme, beginnt die innere Verteidigung.
„Das ist doch schön.“
„Das kommt sicher wieder.“
„Vielleicht für den Garten.“
„Vielleicht als Füllung für einen neuen Überzug.“
Und ganz ehrlich: Rosé kommt immer irgendwann zurück.
Das ist das Tückische an Stil. Nichts ist wirklich vorbei. Es macht nur Pause und nennt sich später Revival.
Also bleiben die Kissen.
Manche fallen inzwischen aus dem Regal, als wollten sie sich selbst ins Gespräch bringen.
Jedes dieser Kissen war einmal wichtig. Nicht weltbewegend wichtig, aber wohnzimmerbewegend.
Vielleicht liebe ich Kissen deshalb so.
Weil sie sofort etwas verändern.
Man muss nicht das ganze Leben neu ordnen. Man legt einfach ein anderes Kissen hin und denkt: Schau. Es geht eh.
Kissen sind Energiewechsel im Quadratformat.
Nur leider stapeln sich Energiewechsel irgendwann.
Und dann steht man im Abstellraum, hält ein Kissen hoch und führt eine Verhandlung mit sich selbst, als ginge es um ein Familienmitglied.
„Brauch ich dich noch?“
Das Kissen schweigt.
Sehr manipulativ.
Natürlich weiß ich, dass nicht alle bleiben können.
Aber andere warten vielleicht wirklich nur auf den richtigen Moment.
Und genau da beginnt das Drama.
Zwischen „Das brauche ich sicher noch“ und „Ich besitze ein textiles Archiv meiner Stilentscheidungen“ liegt eine sehr dünne Linie.
Und der Rest?
Der Rest bleibt vorerst im Abstellraum.
Nicht als Chaos.
Als Farbreserve.
Man weiß ja nie.
Vielleicht braucht das Leben morgen genau dieses eine Kissen.



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