Staubmäuse mit Bleiberecht
- Madeleine Dumhart

- 27. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Stunden

Über Staubmäuse, Qualitätszeit und die schöne Entscheidung, nicht jedem Brösel hinterherzulaufen.
Ich bewundere Menschen mit perfekten Haushalten.
Wirklich.
Menschen, deren Wohnzimmer aussieht, als würde gleich ein Interior-Fotograf hereinkommen und sagen: „Genau so lassen.“ Menschen mit leeren Arbeitsflächen, ordentlich gefalteten Decken und Badezimmern, in denen man theoretisch eine Herzoperation durchführen könnte.
Bei mir ist das anders.
Nicht schlimm anders.
Eher… belebt.
Es gibt bei uns Spuren von Leben. Ein Glas da. Ein Pulli dort. Bücherstapel. Zerfetztes Hundespielzeug. Ein halb fertiger Einkaufszettel. Irgendwo eine Tasse, die emotional noch nicht abgeholt wurde.
Und manchmal wohnen auch Staubmäuse bei uns.
Nicht viele.
Aber genug, dass sie vermutlich irgendwann Miete zahlen müssten.
Früher stresste mich das mehr.
Da dachte ich, ein schönes Zuhause bedeutet vor allem: ordentlich. Alles geschniegelt. Alles sauber. Alles bereit für spontanen Besuch oder eine theoretische Wohnreportage.
Heute denke ich mir: Wer spontan kommt, bekommt halt Realität.
Und Realität hat manchmal Flusen.
Natürlich mag ich es schön. Sehr sogar. Ich liebe Atmosphäre, schöne Räume, Farben, Blumen, Kerzen, gutes Design. Aber ich habe irgendwann gemerkt: Ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, ständig dem Haushalt hinterherzurennen, als würde irgendwo eine unsichtbare Putzfee meine Leistung bewerten.
Weil während ich theoretisch die Lade sortieren könnte, sitzt vielleicht mein Sohn neben mir und erzählt mir irgendetwas Interessantes.
Oder mein Mann macht Kaffee für uns.
Oder die Dackeldame braucht Streicheleinheiten.
Oder wir lachen gerade über irgendetwas komplett Sinnloses und plötzlich ist da dieser Moment, der später viel wichtiger sein wird als die Tatsache, dass irgendwo ein Brösel gelegen ist.
Ich glaube, irgendwann musste ich mich entscheiden:
Will ich nach außen perfekte Räume bauen?
Oder innen ein gutes Leben?
Und ich habe mich relativ klar entschieden.
Für Gespräche statt Hochglanz.
Für gemeinsames Essen statt dauerndem Herumwischen.
Für Menschen statt Perfektionismus.
Natürlich räume ich auf. Ich bin ja kein Messie mit spiritueller Ausrede. Aber ich putze nicht mehr gegen mein Leben an.
Das war früher manchmal wirklich so.
Kaum war irgendwo Ruhe, dachte ich: Gut. Schnell noch etwas machen. Noch kurz zusammenräumen. Noch schnell durchsaugen. Noch schnell die Küche. Noch schnell das Bad.
Dieses „noch schnell“ hat erstaunliches Potenzial, einem den ganzen Abend zu stehlen.
Und am Ende sitzt man geschniegelt in einer sauberen Wohnung und ist innerlich komplett durch.
Sehr dekorativ erschöpft.
Irgendwann merkte ich: Die Menschen, an die ich mich später erinnere, erinnern sich wahrscheinlich nicht daran, ob mein Waschbecken glänzte.
Sie erinnern sich eher daran, wie sie sich bei mir gefühlt haben.
Ob gelacht wurde.
Ob Platz war.
Ob man bleiben wollte.
Und ehrlich gesagt: Ich glaube nicht, dass Wärme an staubfreien Sesselleisten entsteht.
Ich glaube, sie entsteht dort, wo Menschen sein dürfen.
Mit Leben.
Mit Chaos.
Mit Geschichten.
Mit einem zweiten Kaffee und vielleicht einer Staubmaus unter dem Sofa, die sich still denkt: Bei euch ist es eigentlich ganz gemütlich.
Natürlich gibt es Grenzen.
Wenn die Staubmäuse Namen bekommen und eigene politische Meinungen entwickeln, sollte man vermutlich reagieren.
Aber ich finde, wir haben manchmal eine seltsame Vorstellung von Ordnung entwickelt. Als müsste ein Zuhause aussehen, als würde niemand darin leben. Keine Spuren. Keine Haufen. Keine Decken. Keine Dinge. Kein Alltag.
Dabei ist genau das doch das Schöne.
Dass Leben sichtbar ist.
Dass gekocht wird. Gelacht wird. Geliebt wird. Dass jemand schnell etwas hingelegt hat, weil gerade etwas anderes wichtiger war.
Und vielleicht ist genau das meine Art von Wohlfühlen.
Nicht perfekt.
Aber weich.
Nicht geschniegelt.
Aber lebendig.
Nicht staubfrei.
Aber voller echter Momente.
Und ganz ehrlich:
Wenn ich irgendwann alt bin, möchte ich nicht zurückdenken und sagen: Wahnsinn, diese Böden damals.
Ich möchte sagen:
Wir hatten es echt schön.
Auch mit Staubmäusen.



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