Gartenpflicht ist auch nur Grünzeug mit schlechtem Gewissen
- Madeleine Dumhart

- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Oder: Der Garten ruft. Leider nach mir.
Über Beete, die nach Aufmerksamkeit schreien, Pflanzen mit Erwartungen und die Frage, warum Entspannung im Garten so oft mit der Scheibtruhe beginnt.

Ich liebe meinen Garten.
Wirklich.
Ich liebe den Geruch von warmer Erde. Ich liebe es, mit den Händen im Beet zu wühlen. Ich liebe kleine Triebe, neue Knospen und diesen völlig unverhältnismäßigen Stolz, wenn eine Pflanze wiederkommt, die ich im Jahr davor gesetzt habe.
Dann stehe ich davor und denke:Wir zwei. Wir haben es geschafft.
Der Garten kann so schön sein.
So ruhig. So lebendig. So erdend.
Bis Frühling ist.
Dann verwandelt sich dieses kleine Paradies innerhalb weniger Tage in ein grünes Projektmanagement-Tool ohne Ende-Datum.
Plötzlich wächst alles.
Nicht nur das, was ich wollte.
Vor allem das, was ich nicht wollte.
Unkraut ist ja faszinierend. Es braucht keine Pflege, kein gutes Zureden, keine Standortberatung, keinen Dünger, keine liebevolle Pinterest-Idee. Es ist einfach da. Voller Selbstvertrauen. Zwischen den Steinen. Im Beet. Am Rand. Dort, wo gestern noch nichts war und heute offenbar ein botanischer Machtanspruch besteht.
Ich gehe also in den Garten, eigentlich mit einer sehr romantischen Vorstellung: kurz in die Sonne setzen, vielleicht ein Kaffee, vielleicht ein Buch, vielleicht einmal nichts tun.
Fünf Minuten später stehe ich wieder.
Weil ich etwas gesehen habe.
Ein Blatt.
Einen Halm.
Eine kleine grüne Frechheit.
Und schon ist es vorbei mit der Entspannung.
Ich gehe nur „kurz“ zupfen. Dann sehe ich daneben noch etwas. Und dahinter noch etwas. Wenn ich schon da bin, könnte ich die trockenen Blätter auch gleich wegnehmen. Und diese eine Pflanze müsste zurückgeschnitten werden. Und dort hinten hängt etwas schief.
Aus „ich setze mich kurz in die Sonne“ wird: Ich knie in der Erde, habe schwarze Fingernägel und führe ein ernstes Gespräch mit einer Staude.
Der Liegestuhl kennt mich inzwischen kaum noch.
Er sieht mich kommen und denkt vermutlich: Die bleibt eh nicht.
Er hat recht.
„Nur kurz“ ist im Garten eine Falle.
„Nur kurz zupfen“ dauert zwanzig Minuten.„Nur kurz schauen“ endet mit Gartenschere.„Nur kurz gießen“ wird zur Inspektion des gesamten Grundstücks.
Und dann ist da noch Robo.
Unser Rasenmähroboter.
Offiziell ist er Entlastung. Ein moderner Helfer. Technischer Fortschritt auf Rädern. Er soll fahren, mähen und leise so tun, als hätten wir alles im Griff.
In der Theorie.
In der Praxis macht Robo gelegentlich blau.
Dann steht er irgendwo beleidigt am Rand, hängt in einer unsichtbaren Lebenskrise fest oder hat beschlossen, dass heute kein guter Tag für Leistung ist.
Währenddessen wächst das Gras.
Und zwar nicht langsam.
Gras im Frühling wächst nicht. Es eskaliert.
Besonders nach Regen.
Man schaut morgens hinaus und denkt: War das gestern auch schon so? Oder ist über Nacht eine Alm entstanden?
Natürlich wächst damit auch die To-do-Liste.
Meine.
Oder die meines Mannes.
Das ist im Garten nicht immer ganz eindeutig, weil Aufgaben dort eine interessante Eigenschaft haben: Sie liegen zuerst in der Luft, dann im Blickfeld und irgendwann in einer Ehe.
„Da müsste man einmal …“ ist im Frühling kein Satz.
Es ist eine Drohung.
Da müsste man einmal schneiden.Da müsste man einmal jäten.Da müsste man einmal nachsäen.Da müsste man einmal schauen, warum Robo wieder steht.Da müsste man einmal diese Ecke angehen, die inzwischen aussieht, als hätte sie sich vom Rest des Gartens unabhängig erklärt.
Und trotzdem liebe ich es.
Das ist ja das Absurde.
Ich fluche innerlich, ziehe Unkraut, suche Gartenschuhe, verliere Gartenschuhe, finde eine Schaufel dort, wo keine Schaufel sein sollte, und irgendwann stehe ich da, verschwitzt, erdig, leicht zerzaust — und bin glücklich.
Weil der Garten etwas kann, was kaum ein anderer Ort kann.
Er zeigt sofort, dass man da war.
Ein Beet ist klarer. Eine Pflanze steht freier. Ein Weg sieht wieder aus wie ein Weg. Eine Blume bekommt Raum. Und plötzlich sieht man nicht mehr nur Arbeit, sondern Schönheit.
Der Garten ist nie erledigt.
Das ist seine Zumutung.
Und sein Trost.
Denn wenn alles wächst, wächst eben auch jeden Tag wieder etwas Schönes. Eine neue Farbe. Ein Duft. Eine Knospe. Ein kleiner Beweis, dass Mühe manchmal wirklich sichtbar wird.
Auch wenn der Liegestuhl beleidigt bleibt.
Und Robo wieder blau macht.


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