Offene Stellen im Aquarium
- Madeleine Dumhart

- 11. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Mai
Über Fische, die nachgekauft werden müssen, und eine Familie, die vermutlich nicht weiß, dass im Becken Personalnot herrscht.

Das Aquarium kam zu uns wie viele Dinge im Leben:
mit guten Absichten und deutlich mehr Verantwortung, als ursprünglich besprochen.
Mein Cousin gab es weiter. Wir übernahmen es. Die Familie war begeistert.
„Das machen wir gemeinsam.“
„Das ist sicher schön.“
„Da kümmern wir uns drum.“ (sagten die Männer)
„So ein Aquarium ist ja beruhigend.“
Beruhigend ist es tatsächlich.
Vor allem für alle, die es nur anschauen.
Die Fische gleiten sanft durchs Wasser, als hätten sie keine Ahnung, dass ihr gesamtes Überleben inzwischen an einer Person hängt, die ursprünglich nur zugestimmt hat, weil alle anderen so überzeugend „wir“ gesagt haben.
Wir.
Ein schönes Wort.
Sehr gemeinschaftlich. Sehr warm. Sehr gefährlich.
Denn aus „wir füttern die Fische“ wurde relativ schnell: Ich füttere die Fische.
Aus „wir schauen, ob eh alles passt“ wurde: Ich schaue, ob eh alles passt.
Und aus „wir müssen dann irgendwann wieder Fische nachkaufen“ wurde: Ich stehe im Zoohandel und diskutiere mit einem sehr engagierten Verkäufer über friedliche Beckenbewohner, während zuhause vermutlich überhaupt niemand weiß, dass wir im Aquarium offene Stellen haben.
Man muss sagen: Fische sind leise Haustiere.
Das ist ihr Vorteil.
Und ihr Problem.
Ein Hund schaut dich an. Eine Katze setzt sich auf deine Tastatur. Ein Kind sagt: „Ich habe Hunger.“
Ein Fisch sagt nichts.
Ein Fisch schwimmt.
Und wenn man nicht hinschaut, schwimmt er eben auch ein bisschen weniger überzeugend.
Ich hingegen schaue hin.
Ich merke, wenn einer fehlt. Ich weiß, wer neu ist. Ich beobachte, ob sich jemand seltsam verhält.
Ich frage mich, ob der eine Fisch traurig ist oder einfach nur Persönlichkeit hat.
Das ist der Moment, in dem man merkt: Man ist zu tief drin.
Natürlich frage ich regelmäßig in die Runde:
„Hat heute schon jemand die Fische gefüttert?“
Diese Frage ist rein rethorisch. Ich kenne die Antwort.
Sie lautet: betretenes Schweigen mit leichter Überraschung darüber, dass Fische offenbar täglich essen.
Also füttere ich.
Wieder.
Und während die kleinen Flocken auf der Wasseroberfläche tanzen, denke ich: Interessant. Ein Aquarium ist also kein Deko-Element.
Es ist ein stiller Vertrag.
Ein Vertrag, den offenbar ich unterschrieben habe.
Nicht schriftlich. Eher durch wiederholtes Hingehen.
Das ist überhaupt die gefährlichste Form von Zuständigkeit: Man macht etwas dreimal, und plötzlich gehört es einem.
Man gießt einmal die Pflanze. Zack, Pflanzenbeauftragte.
Man findet einmal das Turnsackerl. Zack, Logistikabteilung.
Man packt einmal die Jause ein. Zack, Catering.
Man füttert dreimal Fische. Willkommen im Fischdienst.
Und ja, manchmal nervt mich das.
Weil ich nicht nur Fische füttere. Ich denke an Futter. An Wasserwechseln auf der to-do Liste. An Algen. An fehlende Fische. An neue Fische. An die Frage, ob der Filter komisch klingt oder nur mein Nervensystem.
Gleichzeitig hat es etwas Schönes.
Dieses kleine Unterwasserleben. Diese ruhige Welt hinter Glas. Dieses Mini-Universum, das völlig unbeeindruckt von Terminen, Mails und Wäschebergen existiert.
Die Fische schwimmen, als wäre alles ganz einfach.
Wasser. Licht. Futter. Bewegung. Mehr nicht.
Und dann steht man davor, Flockenfutter in der Hand, und merkt: Selbst das Einfache braucht jemanden, der daran denkt.
Vielleicht ist genau das mein eigentliches Familienamt.
Nicht Aquarium.
Nicht Haushalt.
Nicht Organisation.
Sondern: Ich bin diejenige, die daran denkt.
An die Dinge, die leise sind.
An die Wesen, die nicht rufen.
An die Aufgaben, die niemandem auffallen, solange sie gemacht werden.
Das ist manchmal lieb.
Manchmal anstrengend.
Manchmal absurd.
Und manchmal stehe ich vor dem Aquarium, schaue diese kleinen Fische an und denke:
Ihr habt Glück.
Ihr seid zwar geerbt.
Aber wenigstens habt ihr mich.



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