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Zentrale Einsatzleitung im Pyjama

  • Autorenbild: Madeleine Dumhart
    Madeleine Dumhart
  • 2. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Über nächtliches Aufwachen, innere To-do-Listen und den ganz normalen Wahnsinn, tagsüber für alles mitzudenken.


Bunte künstlerische Collage mit Wecker, Kissen, Mond und Sterne als symbol für nächtliche To-do-Listen, Gedankenkarussell, Alltagsstress, Gehirn nachts läuft

Es beginnt meistens besonders hinterhältig.


Ich schlafe nämlich eigentlich schon. Nicht nur so halb, nicht dieses dramatische Wachliegen, bei dem man die Decke anstarrt und über den Sinn des Lebens nachdenkt. Nein, ich schlafe. Ganz ordentlich. Mein Körper hat Dienstschluss, das System ist heruntergefahren, alles wäre friedlich.


Dann meldet sich die Blase.


Ganz unspektakulär. Sehr bodenständig. Keine Erleuchtung, kein Zeichen aus dem Universum, keine große innere Botschaft. Einfach nur: bitte einmal kurz aufstehen.


Und genau das ist der Moment, in dem mein Gehirn offenbar denkt:

„Ah, wunderbar. Da wir ohnehin wach sind, könnten wir doch gleich ein Geschäftsmeeting einberufen.“


Ich will eigentlich nur kurz ins Bad. Mein Körper möchte danach wieder zurück unter die Decke sinken wie eine glückliche Palatschinke.


Aber mein Gehirn hat bereits den Besprechungsraum gebucht.


Es sitzt innerlich am langen Konferenztisch, klappt einen Laptop auf, rückt die Brille zurecht, verteilt imaginäre Ausdrucke und sagt mit viel zu wacher Stimme:


„Gut, da jetzt alle versammelt sind: Wir müssen dringend die To-do-Liste besprechen.“


Und mit „die To-do-Liste“ meint es natürlich nicht nur meine.


Nein. Meine eigene wäre ja schon genug. Aber offenbar bin ich nachts nicht nur für mein Leben zuständig, sondern auch für die organisatorische Grundversorgung aller Menschen in meinem Umfeld. Kind, Partner, Kund*innen, Projekte, offene Nachrichten, Dinge, die jemand anders vergessen könnte, Dinge, die ich für jemand anders mitdenken sollte, Dinge, die noch nicht einmal passiert sind, aber eventuell passieren könnten, wenn niemand rechtzeitig eine WhatsApp schreibt.


Um 2:07 Uhr bin ich nicht mehr Mensch.

Ich bin eine zentrale Einsatzleitung mit Pyjama.


Tagsüber kann ich vieles erstaunlich gut überhören. Mich selbst zum Beispiel. Den Durst. Die Müdigkeit. Dieses kleine innere „Vielleicht wäre jetzt kurz Pause schön“. Es ist ja immer irgend etwas. Ein Termin, eine Nachricht, ein Gedanke, ein Kind, ein Mensch, ein Projekt, eine Kleinigkeit, die sich als wichtig verkleidet hat.


Man funktioniert. Organisiert. Antwortet. Entscheidet. Erinnert. Plant. Für sich. Für andere. Für alles, was irgendwo zwischen „nur kurz“ und „könntest du bitte noch“ ins Leben hineinsegelt.


Und dann ist Abend.


Endlich Ruhe.


Und plötzlich merke ich: Ich habe Durst.


Nicht elegant. Nicht dezent. Sondern diesen späten, leicht beleidigten Körper-Durst, der sagt: „Ach, schön, dass du auch noch bemerkst, dass wir hier existieren.“


Also trinke ich. Natürlich. Viel. Weil ich denke: Gut, retten wir den Tag noch schnell vor dem Schlafengehen.


Und dann nimmt der Kreislauf seinen Lauf.


Im wahrsten Sinne.


Nachts meldet sich die Blase. Ich stehe auf. Das Gehirn bemerkt Bewegung im Gebäude und ruft sofort das Meeting ein. Die To-do-Liste kommt mit PowerPoint. Drei offene Gedanken bringen Kuchen mit. Ein längst vergessenes Thema aus 2019 setzt sich ungefragt in die erste Reihe.


Und ich?


Ich wollte doch nur kurz aufs Klo.


Danach liege ich wieder im Bett. Der Körper möchte schlafen, das Gehirn möchte ein Protokoll erstellen, und irgendwo zwischen Decke, Mondlicht und innerer Excel-Tabelle frage ich mich, ob andere Menschen nachts auch für ihr gesamtes Umfeld Projektmanagement machen — oder ob sie einfach trinken, aufs Klo gehen und weiterschlafen wie spirituell hochentwickelte Säugetiere.


Das Gemeine ist: Nachts wirkt alles dringend.


Ein unbeantwortetes Mail bekommt plötzlich die Schwere einer Lebensentscheidung. Ein Geburtstagsgeschenk wird zur Charakterfrage. Ein offener Termin wird zur Prüfung meiner gesamten Organisationsfähigkeit. Und eine kleine Aufgabe, die tagsüber völlig harmlos war, sitzt nachts im Scheinwerferlicht und sagt: „Wir müssen reden.“


Nein, müssen wir nicht.


Aber nachts glaubt man es kurz.


Vielleicht ist das eigentliche Problem gar nicht meine Blase. Und vielleicht auch nicht mein Gehirn. Vielleicht ist das Problem, dass ich mich tagsüber oft erst dann wahrnehme, wenn alles andere endlich leise ist.


Und leider ist das oft spät.

Sehr spät.


So spät, dass mein Körper sagt: „Durst.“

Meine Blase sagt: „Danke.“

Und mein Gehirn sagt: „Wenn wir schon wach sind, könnten wir auch gleich das Leben neu strukturieren.“


Um 6:06 Uhr ist es dem Wecker dann völlig egal, ob ich nachts noch ein internes Strategie-Meeting hatte.


Er klingelt trotzdem.


Unverschämt pünktlich. Ohne Rücksicht auf meine nächtliche Geschäftsführung, meine Blasenkommunikation oder die Tatsache, dass ich innerlich um 2:17 Uhr bereits drei Leben neu sortiert habe.


Und dann beginnt der Tag wieder.


Mit müden Augen, einem halb vollen Glas Wasser am Bett und dieser leisen Erkenntnis: Vielleicht müsste ich nicht erst abends merken, dass ich Durst habe. Vielleicht müsste ich nicht erst nachts alles hören, was tagsüber keinen Platz hatte. Vielleicht müsste ich nicht immer für alle mitdenken, bis mein Gehirn sogar im Halbschlaf noch Zuständigkeiten verteilt.


Vielleicht wäre das die eigentliche Revolution.


Nicht noch besser planen.

Nicht noch mehr erinnern.

Nicht noch eine Liste schreiben.


Sondern tagsüber kurz innehalten, bevor mein Körper nachts die Betriebsversammlung einberuft.


Ein Glas Wasser trinken.

Eine Aufgabe zurückgeben.

Einen Gedanken nicht sofort adoptieren.

Und vielleicht einmal akzeptieren, dass nicht jede innere Liste ein Auftrag ist.


Manche sind nur der Beweis, dass es tagsüber zu laut war.


Und wenn ich am nächsten Morgen eine Notiz finde, auf der steht:


„Bitte erinnern: alle erinnern!!“


Dann denke ich: Ja. Genau so fühlt es sich manchmal an.

Aber vielleicht muss ich nicht immer diejenige sein, die an alles denkt.


Vielleicht reicht es manchmal, wenn ich mich rechtzeitig daran erinnere, selbst etwas zu trinken.


 

 

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