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Der Tag, an dem die Bücher durch den Ort wanderten

  • Autorenbild: Madeleine Dumhart
    Madeleine Dumhart
  • 27. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Juni


Über Volksschulkinder am Ortsplatz, ein altes Wirtshaus voller Bücher und die schöne Erinnerung daran, wie viel leichter manches wird, wenn viele Hände gemeinsam tragen.


Eine humorvolle und berührende Kolumne über Volksschulkinder, eine Bücherkette am Ortsplatz und die schöne Erkenntnis, dass vieles leichter wird, wenn Menschen gemeinsam tragen statt alleine kämpfen.

Neulich war ich vormittags bei uns im Ort bei der Post.


Ein ganz normaler Werktag. Ich wollte eigentlich nur schnell etwas erledigen, kurz hinein, kurz hinaus, klassischer „Ich bring nur schnell meine Retouren weg“-Optimismus.


Schon beim Reingehen wunderte ich mich.


Der ganze Ortsplatz war voller Volksschulkinder.


Überall kleine Gruppen, Stimmen, Bewegung, buntes Gewusel. Und ich dachte zuerst: Haben die heute keine Schule? Oder ist das irgendein Wandertag mit sehr viel Lautstärke?

Warum stehen die alle so aufgefädelt da?


Dann fiel es mir ein.

Die Bücherei.

„Ach ja. Wahrscheinlich ein normaler Büchereitag“, dachte ich.


Unsere Bücherei ist nämlich seit ein paar Monaten übergangsmäßig im alten leerstehenden Gasthaus mitten am Ortsplatz untergebracht. Ein Ort, an dem früher Schnitzel serviert wurden und jetzt Bücher wohnen. Ich finde allein diesen Gedanken schon schön.


Als ich von der Post wieder herauskam, war plötzlich richtig Trubel am Platz.


Kinderlachen. Stimmen. Freude. Dieses helle, ungebremste Geräusch von Volksschulkindern, die noch nicht wissen, dass man im Erwachsenenleben irgendwann beginnt, sich für Begeisterung zu entschuldigen.


Und dann sah ich es.


Die Kinder standen in einer langen Gänsereihe vom alten Gasthaus bis hinüber zum neuen Bibliotheksgebäude.

Und sie gaben Bücher weiter.

Eines nach dem anderen.

Von Hand zu Hand zu Hand.

Eine lebendige Bücherkette mitten durch den Ort.

Kleine Hände. Große Bücher. Manche hochkonzentriert, manche völlig im Kasperlmodus, manche mehr mit dem Nachbarn beschäftigt als mit der literarischen Lieferkette.


Und trotzdem funktionierte es. Dieses ganze Gewusel funktionierte.

Ich blieb stehen und schaute einfach zu.

Weil mich das plötzlich so berührte.

Diese Einfachheit. Diese Selbstverständlichkeit.

Diese vielen kleinen Menschen, die gemeinsam etwas weiterbringen, das alleine vermutlich ewig gedauert hätte.


Natürlich hätte auch irgendjemand die Bücher allein tragen können. Wahrscheinlich mit Scheibtruhe, Rückenschmerzen und sehr schlechter Laune.

Aber dort standen nun so viele Kinder am Ortsplatz und machten aus Arbeit etwas Leichtes.


Die Bücher wurden nicht geschleppt.

Sie wanderten.


Dort standen nicht einfach Kinder mit Büchern.

Dort stand Gemeinschaft.


Ein ganzes Dorf, das kurz nicht auf Geschwindigkeit setzte, sondern auf Zusammenhalt. Auf Mithelfen. Auf „Komm, wir machen das gemeinsam.“

Und plötzlich wirkte alles daran richtig.

Das alte Gasthaus. Der Ortsplatz. Die Bücher. Das Kinderlachen. Diese kleine Menschenkette mitten im Alltag.


Ich glaube, genau solche Momente fehlen uns manchmal.

Nicht die großen Events. Nicht die perfekt inszenierten Dinge mit Marketingkonzept. Sondern diese kleinen echten Szenen, bei denen man plötzlich merkt: Ah. So fühlt sich Gemeinschaft an.


Unaufgeregt.

Ohne Konzeptpapier.

Ohne PowerPoint.

Ohne Teambuilding-Workshop.

Einfach Menschen, die gemeinsam etwas tragen.


Und vielleicht war genau das das Schönste daran: Bücher wurden weitergegeben.

Nicht nur im wörtlichen Sinn. Da standen Kinder und reichten Geschichten von Hand zu Hand. Wissen. Fantasie. Abenteuer. Wörter. Gedanken. Ganze Welten.


Mitten über unseren Ortsplatz.

Ganz ehrlich: Ich glaube, ich habe schon lange nicht mehr so etwas Schönes gesehen.


Und während ich dort stand, zwischen Post, Alltag und Kinderlärm, dachte ich plötzlich:

Vielleicht ist das überhaupt das Problem mit dem Erwachsensein: Jeder schleppt allein, obwohl es zusammen offensichtlich schneller geht und auch mehr Spaß macht. Vielleicht wäre vieles leichter, wenn wir öfter Ketten bilden würden statt Einzelkämpfer zu spielen.


Nicht immer alles alleine schleppen.

Nicht immer glauben, man müsse jede schwere Kiste selbst tragen.

Vielleicht reicht manchmal eine Reihe von Menschen, die sagen:

Gib weiter.

Ich hab’s.

Jetzt du.

Gemeinsam geht’s leichter.


Und während die Kinder weiter Bücher durch den Ort reichten, dachte ich:


Ja.

Genau so sollte sich ein Dorf anfühlen.


 

 

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