Vanilla Mum

Über cremefarbene Sofas, sandfarbene Latte-macchiato-Fassaden und die beruhigende Erkenntnis, dass manche Menschen ihre Ruhe eben in Vanille einrichten.

Vor ein paar Jahren kam mein Sohn zu mir, er war damals wahrscheinlich sechs Jahre alt, schaute mich an und sagte mit dieser gnadenlosen Klarheit, die Kinder manchmal haben, bevor sie lernen, Dinge diplomatisch in Geschenkpapier zu wickeln:
„Du bist so eine Vanilla Mum.“
Ich blieb kurz stehen.
„Eine was?“
„Na, eine Vanilla Mum.“
Ich hatte keine Ahnung, was das heißen sollte, ließ es mir aber erklären, weil ich bei Begriffen aus der Kinderwelt inzwischen grundsätzlich vorsichtig bin. Man weiß nie, ob man gleich charmant beschrieben oder öffentlich vernichtet wird.
Er meinte Mütter, die alles in Creme-Tönen haben.
Ich schaute ihn an.
Dann schaute ich mich um.
Das Sofa: Creme.
Die Küche: Weiß.
Die Vorhänge: irgendwo zwischen Milch, Sand und „bitte nicht mit schmutzigen Fingern berühren“.
Mein Pullover: wahrscheinlich Vanille, aber in Kaschmir, also natürlich nicht einfach Vanille, sondern Vanille mit gutem Lebensstandard.
Die Hausfassade: Sand-Latte-macchiato-Creme, falls man eine Farbe benennen müsste, die so tut, als wäre sie zufällig elegant geworden.
Der Bub hatte recht.
Nicht ein bisschen.
Er hatte eine komplette Wohnanalyse in zwei Worte gepackt.
Vanilla Mum.
Danke auch.
Natürlich könnte man jetzt sagen, das sei langweilig. Alles hell, alles weich, alles Creme, alles so, als hätte jemand das Leben einmal durch einen Hafermilchfilter laufen lassen. Aber ich sehe das anders. Für mich ist Creme kein Mangel an Mut.
Creme ist eine Entscheidung gegen optische Dauerbeschallung.
Ich brauche kein Sofa, das mich anbrüllt.
Ich brauche kein Badezimmer, das morgens schon lauter ist als mein Kopf.
Ich brauche keine Fliesenfarbe, die beim Vorbeigehen ruft: „Na? Bereit für Persönlichkeit?“
Nein.
Manchmal möchte ich einfach nur in einen Raum kommen und spüren, dass dort niemand etwas von mir will. Keine Farbe, die Aufmerksamkeit fordert. Kein Muster, das mir ein Gespräch aufzwingt. Kein Möbelstück, das so tut, als hätte es einen eigenen, trendigen Podcast.
Ich habe einmal gelernt, dass sich um die Jahre nach 2001 im Design vieles verändert hat. Dramatische Zwischenfälle im Weltgeschehen änderten da vieles. Nach den lauten, bunten, verspielten Jahrzehnten davor wurden viele Dinge plötzlich heller, weißer, zurückhaltender. Computer, Geräte, Möbel, ganze Räume. Die Welt draußen war unruhig genug, also wollten die Menschen innen wieder mehr Ruhe sehen.
Dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben.
Vielleicht richten wir uns gar nicht nur nach Geschmack ein. Vielleicht richten wir uns nach dem ein, was uns fehlt.
Wenn außen viel los ist, wird es innen leiser.
Wenn der Alltag an allen Ecken zieht, darf das Sofa bitte die Klappe halten.
Und wenn mein Kopf schon tausend Farben, Listen, Menschen, Ideen, Termine, Rechnungen und halb fertige Gedanken jongliert, dann möchte ich nicht auch noch von einer Wand in Rot herausgefordert werden, während ich versuche, ein Häferl Kaffee zu trinken.
Dabei liebe ich Farben.
Wirklich.
Ich liebe kräftige Ohrringe, bunte Taschen, Blumen, Kissen, Bilder, kleine Dinge, die einem Raum plötzlich einen Hüftschwung geben. Aber bei mir dürfen Farben meistens Gäste sein, keine Hauptmieter. Sie kommen saisonal, machen ein bisschen Stimmung, bringen Leben hinein und dürfen dann schnell wieder gehen, bevor sie einen Nachsendeauftrag einrichten.
Die Kissen dürfen.
Die Deko darf.
Die Accessoires dürfen sowieso.
Ein pinker Ohrring darf schreien, weil er klein genug ist, um wieder in eine Schmuckkiste zu wandern. Ein Sofa dagegen ist eine langfristige Beziehung. Und ich gehe keine langfristige Beziehung mit Dottergelb ein, nur weil es in einem Einrichtungsmagazin gerade sehr selbstbewusst auftritt.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied zwischen Farbe und Ruhe: Farbe ist bei mir der Besuch, der gut gelaunt mit Prosecco vorbei kommt. Creme ist die Freundin, die danach bleibt, die Küche aufräumt und fragt, ob man noch etwas braucht.
Mein Sohn hatte also recht. Ich bin wahrscheinlich eine Vanilla Mum.
Aber nicht aus Langeweile.
Eher aus Überlebenskunst mit Farbkonzept.
Denn diese helle Welt beruhigt mich. Sie macht Platz. Sie gibt den bunten Dingen erst ihren Auftritt. Eine orange Vase wirkt auf Creme wie ein Satz mit Ausrufezeichen. Auf einer ohnehin schon lauten Fläche wäre sie nur noch ein weiteres Problem mit guter Haltung.
Und vielleicht ist genau das mein Stil: außen weich, innen nicht unbedingt leise. Ein Raum darf ruhig sein, damit das Leben darin genug Theater machen kann.
Natürlich gibt es Tage, da frage ich mich, ob ich wieder mutiger werden sollte. Mehr Farbe. Mehr Kontrast. Mehr „Schau her, ich habe eine Wand grell gestrichen und es tut niemandem weh.“
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Denn am Ende beruhigt mich keine Farbe der Welt so sehr wie das tiefe Blau vom Meer oder das satte Grün meines Waldes vor der Terrasse. Das sind die Farben, die ich wirklich brauche. Die echten. Die großen. Die, die nicht aus einem Farbkonzept kommen, sondern aus der Welt selbst.
Vielleicht ist mein Zuhause deshalb Vanille.
Weil draußen schon genug Leben in Farbe passiert.
Und wenn mein Sohn wieder sagt: „Mama, du bist so eine Vanilla Mum“, dann sage ich wahrscheinlich:
„Stimmt.“
Aber Vanille ist immerhin die Sorte, die zu allem passt.



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