Der Sessel für alles

Über einen grünen Cord-Samt-Sessel aus den 60ern, Gewandberge mit Aufenthaltsrecht und die Frage, ab wann ein Möbelstück eigentlich ein Familienmitglied ist.

Neulich stand ich wieder vor unserem Sessel im Schlafzimmer.
Also eigentlich stand ich vor einem Gewandberg, unter dem der Sessel nur noch als vage Erinnerung an ein Möbelstück erkennbar war, ungefähr so, wie man unter einer Lawine vielleicht noch ahnt: Da war einmal Architektur.
Ein Ärmel hing seitlich herunter, eine Hose hatte sich quergelegt, und ein T-Shirt lag obenauf mit dieser enttäuschten Haltung, die Kleidung manchmal hat, wenn sie sagen möchte: Ich wurde nicht weggeräumt, ich wurde abgelegt. Das ist ein Unterschied.
Und irgendwo darunter war er.
Unser Sessel.
Ein alter grüner Cord-Samt-Sessel aus den 60ern, geerbt von meinem Opa. Wobei „Cord-Samt“ vielleicht kein offizieller Begriff dafür ist, aber jeder, der ihn angreift, versteht sofort, was ich meine. Gibt es Frottee-Samt? Das wäre eine bessere Bezeichnung. Diese Oberfläche gibt es heute kaum noch. So retro. So weich. So ein bisschen, als hätte ein Möbelstück beschlossen, zugleich Wohnzimmer, Wald und sehr selbstbewusster Pullover zu sein.
Die Farbe ist schwer zu beschreiben.
Grün, ja. Aber nicht einfach grün. Eher dunkles Salbeigrün. Oder Erbsenspeib-Grün Deluxe? Und ja, ich meine das als Kompliment.
Dieses Grün ist nicht schüchtern. Es betritt keinen Raum, es war schon vorher da und hat sich eine Meinung gebildet. Moderne Möbelhäuser würden wahrscheinlich versuchen, es „Vintage Olive“ oder „Muted Heritage Green“ zu nennen, damit niemand erschrickt. Aber wir wollen ehrlich bleiben: Erbsenspeibgrün Deluxe trifft es einfach besser.
Ich liebe diesen Sessel wirklich sehr, auch wenn er objektiv betrachtet aussieht, als hätte er einiges erlebt und darüber nie gesprochen.
Der Bezug ist inzwischen lückenhaft, weil unser Kater vor Jahren beschlossen hatte, seine Krallen genau dort zu schärfen. Nicht am Kratzbaum, natürlich nicht. Der Kratzbaum war für ihn offenbar nur ein Deko-Vorschlag gewesen. Nein, der Sessel musste es sein.
Seitdem hängt der Bezug stellenweise etwas grob, nicht charmant perfekt shabby, sondern eher: gelebtes Textil mit offener Biografie.
Natürlich könnte man ihn neu beziehen lassen.
Es liegt nicht einmal an den Tapezierkosten. Das wäre ja eine praktische Ausrede, eine mit Rechnung und Vernunft. Die Wahrheit ist schlimmer: Ich habe einfach noch keinen Stoff gefunden, der ihm würdig wäre.
Wie ersetzt man Cord-Samt in Erbsenspeibgrün Deluxe?
Gar nicht.
Man kann diesen Sessel nicht einfach in Beige hüllen und so tun, als wäre nichts gewesen. Das wäre kulturelle Enteignung im Schlafzimmer.
Also bleibt er, wie er ist: etwas zerfleddert, sehr geliebt und fast immer belegt. Denn dieser Sessel ist nicht nur ein Möbelstück. Er ist ein System. Ein Zwischenlager. Ein seelischer Pufferraum. Eine textile Drehscheibe zwischen „noch tragbar“, „müsste eigentlich weggeräumt werden“, „nur schnell probiert aber steht mir heute nicht und ich habe keine Zeit es jetzt wieder wegzuräumen“ und „ich weiß selber nicht, warum das hier liegt, aber offenbar gehört es gerade zum Leben“.
Ich frage mich manchmal, ob jeder Mensch irgendwo so einen Ort hat.
Andere Menschen haben Kleiderschränke.
Wir haben zusätzlich diesen einen Sessel.
Er nimmt alles auf: Jeans, die noch nicht schmutzig sind, Pullover, die man vielleicht morgen wieder anzieht, Schals mit saisonaler Verwirrung und ein Pyjama-Oberteil, das plötzlich auf ein Sesselleben besteht.
Es ist kein Chaos.
Es ist ein Ablagesystem mit weicher Oberfläche.
Vielleicht ist das überhaupt die große Lüge des Erwachsenenlebens: Man glaubt, Kleidung gehöre entweder in den Schrank oder in die Wäsche. Falsch. Dazwischen liegt ein kleines emotionales Mittelfeld, und genau dort steht unser Sessel.
Tapfer.
Grün.
Überfordert.
Einmal wöchentlich möchte ich ihn frei räumen, wirklich. Ich nehme mir vor: Heute bekommt der Sessel wieder Würde. Dann hebe ich das erste Kleidungsstück hoch, und sofort beginnen die Verhandlungen.
Ist das sauber? Ist das schmutzig? Ist das ein Outfit von gestern oder eine Option für morgen? Manchmal bin ich nach drei Teilen erschöpft und lege alles wieder hin.
Nur etwas anders. Etwas aufgeräumter.
Damit es nach Fortschritt aussieht.
Mein Sohn hat übrigens eine eigene Beziehung zu diesem Sessel. Er liebt ihn. Für ihn ist er Rückzugsort, Thron und nach dem langen Treppenaufstieg in den ersten Stock auch manchmal eine Jausenstation. Er sitzt dort eingekuschelt auf den Gewandbergen, mit Buch oder, wenn wir ehrlich sind, manchmal auch mit dem Handy. Aber immerhin in lesender Körperhaltung. Das zählt doch fast.
Er versinkt zwischen Pullovern, Decken und diesem grünen Retrostoff, als hätte der Sessel ihn persönlich adoptiert. Und jedes Mal denke ich: Genau deshalb kann er niemals weg.
Wie soll man ein Möbelstück weggeben, auf dem das eigene Kind so gemütlich herumhängt, dass es kurz aussieht, als hätte der Alltag Pause gemacht?
Da kann der Bezug noch so lückenhaft sein. Da kann der Kater noch so viel Vergangenheit hineingekratzt haben. Manche Dinge sind nicht schön, weil sie makellos sind. Sie sind schön, weil sie Geschichten halten.
Opa. Kater. Kind. Schlafzimmer. Gewandberge. Jahre.
Alles sitzt irgendwie mit drauf.
Vielleicht ist dieser Sessel deshalb mein heimlicher Lieblingsort im Raum, obwohl man ihn an den meisten Tagen kaum sieht. Er erinnert mich daran, dass Zuhause nicht nur aus perfekten Ecken besteht, sondern aus Dingen, die bleiben. Aus Möbeln, die nicht mehr ganz frisch sind, aber dafür vertraut. Aus Farben, die kein Trend erklären kann. Aus Stoffen, die schon zu viel erlebt haben, um langweilig zu sein.
Natürlich könnte ich irgendwann einen neuen Stoff finden. Einen wunderschönen. Einen würdigen. Einen, bei dem ich sage: Ja. Du darfst Erbsenspeibgrün Deluxe beerben.
Aber ehrlich gesagt, ich suche nicht mehr.
Es kann doch gar nicht schöner werden.
Ach, unser alter grüner Sessel.
Ein bisschen zerkratzt, ein bisschen überladen, ein bisschen schrullig.
Und trotzdem das gemütlichste Familienarchiv, das man sich vorstellen kann.
Man muss nur vorher drei Pullover herunterheben.



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