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DJ Madülen

Autorenbild: Madeleine Dumhart
Madeleine Dumhart
10. Aug.
3 Min. Lesezeit

Über Ballett, Bass und die Frage, warum Menschen zuerst sagen „Ich tanze nicht“ und später barfuß zu ABBA eskalieren.


Farbenfrohe feminine Collage mit tanzender Frau, Musiknoten, Discokugel und tanzenden Menschen als Symbol für Musik, Lebensfreude, Embodiment und die verbindende Kraft des Tanzens.Farbenfrohe feminine Collage mit tanzender Frau, Musiknoten, Discokugel und tanzenden Menschen als Symbol für Musik, Lebensfreude, Embodiment und die verbindende Kraft des Tanzens.

Musik war immer schon mein Leben.

Nicht als Hintergrundgeräusch.

Mehr als eine Art inneres Betriebssystem.

Eher so, dass mein Körper bei den ersten drei Takten schon Entscheidungen trifft, die mein Kopf später erklären muss.

 

Es gibt Lieder, die öffnen sofort eine Tür. Zu einem Gefühl, zu einem Ort, zu einer Version von einem selbst, die man fast vergessen hatte.

Ein paar Takte reichen, und plötzlich ist man wieder dort. In dem einem Sommer. In einem Auto. In einem alten Abenteuer. In einer Küche, in der jemand lachte. Und manchmal dieses eine Lied, bei dem plötzlich alle innerlich wieder 19 sind und glauben, ihre Knie hätten dazu keine Meinung.

 

Ich wünschte nur, ich könnte singen.

Denn wenn ich singen könnte, würde ich wahrscheinlich alles singen.

Einkaufslisten.

Streitgespräche.

„Kannst du bitte den Müll rausbringen?“ als traurige Ballade.


Leider hat meine Stimme andere Pläne.

Ich kann schon singen.

Nur halt nicht so, dass andere Menschen freiwillig im Raum bleiben.


Also tanze ich.

Das kann ich.


Seit ich drei bin, war Tanz in meinem Körper zuhause.

Ballett. Theaterbühne. Jazzdance. Schul-Tanzgruppen. Standardkurse in diversen Metallicfarben, alles, was man damals machen konnte.


Ich war überall dort, wo jemand Musik aufdrehte und fragte, wer mitmachen will.


Spoiler: ich.

Immer ich.


Mein Körper wusste oft schneller als mein Kopf, was los ist.

Musik an, Denken aus, Bewegung rein.


Tanzen räumt im Körper auf, ohne vorher einen Termin dafür auszumachen.

Es schüttelt das ab, was sich irgendwo festgesetzt hat. Es bringt Luft in Stellen, die zu lange brav waren. Und manchmal löst es Dinge, für die man stundenlang hätte reden müssen.


Vielleicht ist Tanzen überhaupt Embodiment, bevor jemand ein cooles englisches Wort dafür erfunden hat. Und manchmal bringt es einen einfach zum Lachen, weil man plötzlich eine Bewegung macht, die niemand geplant hat und die trotzdem absolut richtig ist.


Vielleicht ist Tanzen eine der ältesten Formen von Transformation. Bevor wir alles analysiert, benannt, optimiert und in fünf Module aufgeteilt haben, haben Menschen vermutlich einfach getanzt.

Um zu feiern. Um loszulassen. Um zu trauern. Um wieder im Körper anzukommen. Sehr verständlich.

 

Heute tanze ich nicht mehr auf jeder Bühne.


Heute gibt es DJ Madülen.

Lautschrift, bitte.


DJ Madülen ist keine offizielle Karriere.

Mehr ein familiäres Naturereignis mit Playlist.

DJ Madülen wird nicht gebucht.

DJ Madülen passiert.


DJ Madülen entsteht eher in privaten Räumen, wenn irgendwo eine Playlist läuft und ich innerlich merke: Dieser Abend braucht jetzt Führung.


Dann übernehme ich.

Nicht aggressiv.

Aber bestimmt.

 

Ich erkenne den Moment, in dem Menschen noch glauben, sie würden nur sitzen bleiben und ein bisschen mit dem Fuß wippen.


Sehr niedlich.


Sie behaupten gerne „Nein, nein, ich tanze nicht.“

 

Als hätten sie eine Wahl.

 

Dann kommt ein Lied. Dann noch eines. Dann steht die erste Person auf.

Und plötzlich tanzen alle.


Nicht schön im Sinn von perfekt.

Besser.

Echt.

Ein bisschen schief. Ein bisschen frei.


Ich liebe diesen Moment.


Wenn Menschen vergessen, wie sie aussehen.

Wenn Schultern sinken. Wenn jemand lacht. Wenn jemand, der vor zehn Minuten noch „Ich tanze nicht“ gesagt hat, plötzlich Bewegungen macht, die nach innerer Kündigung aller Hemmungen aussehen.


Das ist für mich Magie.


Nicht die schwere Sorte.

Die mit Bass.


Nicht auf der Bühne. Nicht perfekt einstudiert.

Sondern mitten im Wohnzimmer, wenn Menschen für drei Minuten vergessen, wie sie aussehen. Wenn Schultern sinken. Wenn jemand die Augen schließt. Wenn drei Lieder später alle barfuß sind, jemand laut mitsingt, und eine Person Bewegungen macht, die am nächsten Tag wahrscheinlich als „interessante Hüftentscheidung“ in Erinnerung bleiben.


Natürlich hat Tanzen auch Risiken.

Man kann glauben, dass man noch dieselben Gelenke hat wie mit 19.

Man kann bei einem sehr guten Refrain eine Bewegung beginnen, die der Nacken am nächsten Tag schriftlich beanstanden möchte.


Aber das ist es meistens wert.


Denn Tanzen bringt etwas zurück, das im Alltag gerne verloren geht: unmittelbare Freude.


Nicht erklärbar.

Nicht produktiv.

Nicht vernünftig.

Einfach da.

Ein Körper, der lacht.


Und ich glaube, genau deshalb liebe ich Musik so sehr.

Weil sie uns erwischt.


Sie fragt nicht, ob wir bereit sind. Sie spielt einfach los. Und plötzlich ist da etwas in uns, das antwortet. Vielleicht nicht mit Gesang. In meinem Fall besser nicht!


Aber mit Bewegung.

Mit Erinnerung.

Mit Tränen.

Mit Lachen.

Mit einem kleinen inneren Ja!


Und wenn irgendwann wieder ein Abend kippt und die Musik noch nicht ganz weiß, wohin mit sich, dann komme ich.


DJ Madülen.

Ungebucht.

Unzertifiziert.

Aber sehr einsatzbereit.






 


 

 

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