Warum weniger Weihnachten manchmal mehr Nähe bedeutet
- Madeleine Dumhart

- 23. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Oder: Fest der Liebe, Festival der Reize
Über Familienfeste, Geschenkestress, Rauhnachtsambitionen und die jährliche Querflötennummer, bei der wirklich niemand trocken bleibt.

Weihnachten beginnt für mich nicht am 24. Dezember. Weihnachten beginnt in dem Moment, in dem jemand fragt: „Was wünscht ihr euch eigentlich?“
Dann geht in mir etwas in Alarmbereitschaft. Nicht festlich. Eher administrativ. Mein inneres System öffnet eine Excel-Tabelle, die ich nie angelegt habe, und ruft: „Geschenke! Termine! Kekse! Familientreffen! Und bitte nebenbei noch besinnlich bleiben!“
Ich mag Weihnachten. Wirklich. Ich mag Lichter. Ich mag diese besondere Stimmung, wenn alles für einen Moment weicher wird. Ich mag es, wenn Menschen zusammenkommen, die sich sonst im Alltag zwischen Terminen, Müdigkeit und „Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen“ verlieren.
Ich finde es schön, dass es Anlässe gibt, die uns an einen Tisch bringen.
Ich finde nur nicht immer schön, wie viele Menschen dann gleichzeitig an diesem Tisch energetisch mitessen.
Weihnachten ist ja nicht einfach ein Fest. Weihnachten ist ein mehrtägiges Energiefeld mit Beilagen. Da sitzen Liebe, Erwartung, alte Rollen, neue Vorsätze, unausgesprochene Sätze, Geschenkpapier, Kartoffelsalat, Kinderstimmen, Familiengeschichte und mindestens eine Person, die fragt, ob man noch Sauce möchte, obwohl man längst innerlich den Körper verlassen hat.
Ich bin nicht grundsätzlich gegen viele Leute. Ich bin nur nicht immer für viele Leute gleichzeitig. Das ist ein Unterschied. Ich mag Menschen. Sehr sogar. Aber nicht alle auf einmal, nicht mit Hintergrundmusik, nicht mit Nachspeise, nicht mit drei parallelen Gesprächen und nicht, wenn mein Nervensystem gerade versucht, zwischen „freundlich bleiben“ und „unter dem Tisch energetisch ausatmen“ zu vermitteln.
Früher dachte ich, ich müsste das besser können. Dieses gesellige Weihnachten. Dieses von Haus zu Haus. Dieses „Wir schauen nur kurz vorbei“, das dann vier Stunden dauert und mit einer zweiten Hauptspeise endet. Ich dachte, gute Menschen freuen sich einfach. Gute Menschen sind offen. Gute Menschen essen noch ein Keks, obwohl sie innerlich schon nach einem Fluchtweg aus Marzipan suchen.
Heute bin ich ehrlicher.
Ich liebe Weihnachten am meisten in klein.
Mit meiner eigenen kleinen Familie. In unserem Tempo. Ohne großes Programm. Ohne das Gefühl, dass man jetzt sofort eine Erinnerung produzieren muss, die später auf einer Grußkarte Bestand hat. Ich mag diese stillen Momente, in denen niemand performt. Wenn ein Kind lacht. Wenn man gemeinsam irgendwo herumliegt. Wenn das Chaos nicht dekorativ, sondern echt ist. Wenn man merkt: Das hier ist genug.
Und genau dieses „genug“ geht im Dezember manchmal verloren.
Weil plötzlich alles mehr werden soll. Mehr Geschenke. Mehr Besuche. Mehr Kekssorten. Mehr Rituale. Mehr Dankbarkeit. Mehr Rückblick. Mehr Tiefe. Mehr Glanz. Mehr „Wir sollten unbedingt“. Sogar die Rauhnächte, die eigentlich eine Zeit des Innehaltens sein könnten, verwandeln sich schnell in ein spirituelles Jahresabschlussprojekt mit zwölf Nächten, dreizehn Zetteln, vier Listen und der leisen Panik, dass man seine Zukunft falsch manifestiert, weil man am dritten Abend zu müde war.
Ich finde Rauhnächte schön. Ich finde Rituale schön. Ich liebe diese Zwischenzeit, in der das alte Jahr schon müde ist und das neue noch nicht ganz angezogen in der Tür steht.
Aber auch hier gilt: Weniger ist für mich mehr.
Ich muss nicht jede Nacht eine Vision empfangen. Manchmal empfange ich nur den sehr klaren Hinweis, früher ins Bett zu gehen. Auch das ist Weisheit. Vielleicht sogar die ehrlichste.
Das Gleiche gilt für Kekse.
Ich weiß, das ist ein heikles Thema. Kekse sind in vielen Familien keine Backware, sondern emotionale Währung. Wer Kekse ablehnt, lehnt nicht Kekse ab, sondern offenbar drei Generationen Zimtgeschichte. Dabei mag ich Kekse. Ich mag nur nicht, wenn sie irgendwann zu einem saisonalen Leistungsnachweis werden.
„Wir haben zwölf Sorten gemacht“, sagt jemand stolz.
Und ich denke: Ich hoffe, ihr habt auch einen Betriebsrat.
Mir reichen weniger Kekse. Weniger Termine. Weniger Geschenkpapier. Weniger „nur noch schnell“. Weniger Tamtam. Weniger von diesem Gefühl, dass Weihnachten erst dann gelungen ist, wenn alle erschöpft, überzuckert und leicht gereizt um einen Baum sitzen, der inzwischen mehr Haltung bewahrt als die Erwachsenen.
Geschenke finde ich schön, wenn sie wirklich von Herzen kommen. Ich halte das ganze Jahr über die Augen offen. Wenn mir irgendwo eine liebevolle Kleinigkeit begegnet, die einem meiner Liebsten Freude machen könnte, nehme ich sie mit. Nicht, weil bald Weihnachten ist, sondern weil ich genau an diesen Menschen denken musste.
Was ich nicht mag, ist dieser Dezember-Geschenkestress. Als müsste Liebe plötzlich innerhalb von drei Wochen in Papier gewickelt und mit Schleife versehen werden. Besonders dieses „Wir schenken uns nichts“, das meistens bedeutet: „Wir schenken uns natürlich etwas, aber bitte mit maximaler Unklarheit.“
Dann stehe ich in einem Geschäft, halte irgendetwas in der Hand und frage mich: Ist das noch Aufmerksamkeit oder schon verzweifelte Konsum-Esoterik?
Und jedes Jahr nehme ich mir vor: nächstes Mal einfacher.
Wahrscheinlich ist das überhaupt mein Weihnachtsmotto: einfacher.
Einfacher essen. Einfacher schenken. Einfacher feiern. Einfacher ehrlich sein. Einfacher sagen: Ich komme gerne, aber nicht zu allem. Ich freue mich, aber ich brauche Pausen. Ich liebe euch, aber mein Energiefeld ist kein Adventmarkt.
Und dann gibt es diese eine Tradition, die trotz allem bleiben darf: meine Querflöte.
Einmal im Jahr packe ich sie aus, als wäre sie ein sehr empfindliches Fossil aus einer früheren Version meines Lebens. Dann spiele ich für die Familie „Stille Nacht“.
Also, theoretisch.
Praktisch spiele ich eine freie Interpretation von „Stille Nacht“, bei der die Stille meistens der beste Teil wäre. Es gibt falsche Töne, überraschende Atempausen und Momente, in denen die Melodie kurz in eine Richtung abbiegt, die vermutlich nicht vom Komponisten vorgesehen war.
Und jedes Jahr passiert dasselbe: Wir lachen. So sehr, dass Tränen kommen. Nicht diese rührseligen Weihnachtsfilmtränen, bei denen jemand im Schnee eine lange verschollene Geige findet. Sondern echte Lachtränen. Die Art von Tränen, bei denen man kurz nicht mehr weiß, ob man noch Musik macht oder nur gemeinsam sehr glücklich scheitert.
Vielleicht ist genau das Weihnachten, wie ich es liebe.
Nicht perfekt. Nicht überladen. Nicht durchgeplant. Sondern lebendig. Ein bisschen schief. Nah. Warm. Mit falschen Tönen, echten Menschen und genug Raum, um zwischendurch durchzuatmen.
Ich brauche kein Weihnachten, das alles kann.
Ich brauche eins, das weniger will.
Weniger Tamtam. Weniger Pflichtgefühl. Weniger Energien gleichzeitig. Weniger Kekserl vielleicht auch, obwohl das familienpolitisch riskant bleibt.
Und mehr von dem, was wirklich bleibt: ein kleiner Kreis. Ein ehrliches Lachen. Ein Moment, in dem niemand etwas leisten muss. Eine Querflöte, die einmal im Jahr beweist, dass auch falsche Töne verbinden können.
Stille Nacht also.
Volle Aura.
Aber immerhin mit Pausen.


Kommentare