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Der Tag, an dem die Jause zurückschaute

Autorenbild: Madeleine Dumhart
Madeleine Dumhart
15. Sept.
5 Min. Lesezeit

Über Schulanfang, vergessene Jausendosen und den Moment, in dem man nicht mehr sicher ist, ob man gerade eine Jause findet oder bereits ein kleines Forschungsprojekt.


Farbenfrohe feminine Collage mit geöffneter Schultasche, Jausenbox, Schulheften, Bröseln und erschrockener Mutter als humorvolles Bild für Schulanfang, vergessene Brotdosen und Familienalltag.

Neulich war es Zeit, die Schultasche auszuräumen.

Die Sommerferien neigten sich dem Ende zu, das neue Schuljahr stand bereits mit gespitztem Bleistift und leicht vorwurfsvollem Stundenplan in den Startlöchern, und ich dachte: Machen wir Raum. Für neue Hefte, frische Stifte, gute Vorsätze und diese kurze, wunderschöne Illusion, dass im neuen Schuljahr alles ordentlicher, strukturierter und irgendwie pädagogisch wertvoller wird.


Sehr schön eigentlich.


Ich öffnete also die Schultasche und fand zuerst das Übliche: zerknitterte Zettel, deren Relevanz niemand mehr rekonstruieren kann, einen Stift ohne Kappe, eine Kappe ohne Stift, grob abgebissene Bleistifte, ein Lineal mit deutlicher Kurve in seiner Lebensplanung und Brösel, die vermutlich einmal etwas waren, inzwischen aber ihre Identität abgelegt haben. Und einen kleinen Deko-Weihnachtsbaum.


Alles normal.

Alles im Rahmen.


Ich bin ja etwas traumatisiert von solchen Situationen. Denn in früheren Jahren kam irgendwann dieser Moment, in dem ich ganz unten die Jausenbox entdeckte. Still. Unauffällig. Und auf eine Art schweigsam, wie nur Gegenstände schweigsam sein können, die über den Sommer etwas mit sich ausgemacht haben.


Es gibt Dinge, die liegen einfach in einer Tasche. Und es gibt Dinge, die liegen dort mit Vergangenheit. Manche Jausenboxen haben Vergangenheit.

Und ich wollte diese ehrlich gesagt nie kennenlernen.

So eine Box liegt da wie ein kleiner verschlossener Krimi aus Kunststoff. Kein Titel, keine Warnung, nur dieses dumpfe Gefühl: Öffne mich nicht, wenn du dein jetziges Leben behalten möchtest.


Natürlich öffnet man sie trotzdem, weil man erwachsen ist. Oder weil man sich überschätzt hat. Manchmal ist das schwer auseinanderzuhalten.

Der Verschluss klickt, und für einen kurzen Moment ist alles still. Dann kommt einem etwas entgegen. Kein sichtbares Tier, zum Glück, aber eine Information. Eine sehr deutliche Information.


Was ursprünglich darin gewesen war, ließ sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Brot vielleicht. Obst. Irgendeine liebevoll gemeinte Schuljause, die vor den Ferien noch völlig unauffällig ausgesehen und sich dann über den Sommer offenbar entschieden hatte, neue Wege zu gehen.


Man schaut hinein.

Die Jause schaut zurück.

Nicht direkt, aber atmosphärisch.


Es ist dieser Moment, in dem man nicht mehr weiß, ob man Lebensmittel entsorgt oder einem jungen Ökosystem die Existenzgrundlage nimmt. Und dann steht man da mit ausgestrecktem Arm, leicht abgewinkeltem Oberkörper und diesem Gesichtsausdruck, den Menschen haben, wenn sie gleichzeitig tapfer, angewidert und irgendwie grantig sind.

Beleidigt vor allem deshalb, weil ich das nicht verdient hatte. Schultasche auf. Vertrauen weg.


Ich hatte ja nichts getan, außer die Schultasche zwei Monate lang nicht anzuschauen, was, sind wir ehrlich, ein völlig nachvollziehbarer Akt der Selbstfürsorge ist.


Mal ehrlich. Sommerferien sind ja auch für Mütter Ferien. Zumindest von Schulzettel-Verpflichtungen und schulischem Terminstress. Bei mir zumindest.

Ich liebe den Anfang der Ferien. Das passiert mir jedes Jahr. Die Schultasche wird in eine Ecke geworfen und ich sehe es entspannt. Ich gebe Vollgas, rein ins relaxte Leben! Hinter mir die Sinntflut...

Und ich dachte natürlich immer, Ferien sind frei von Jausenboxen.

Falsch gedacht.


So eine Dose wartet. Nicht passiv. Mehr so: innerlich gereift.

Ich erinnere mich gut. Ich überlegte kurz, ob ich sie reinigen sollte. Dann überlegte ich, ob ich sie einfach samt Inhalt wegwerfen sollte. Dann überlegte ich, ob ich vielleicht die ganze Schultasche wegwerfen sollte, nur um sicherzugehen. Irgendwo zwischen Vernunft und Fluchtimpuls fiel mir ein, dass andere Menschen in solchen Momenten wahrscheinlich Gummihandschuhe besitzen.

Ich besitze auch welche.

Irgendwo.

Also nahm ich ein Stück Küchenrolle, hielt die Luft an und tat, was getan werden musste. Es war kein schöner Moment. Nicht alles im Leben ist ein Stillleben von Caravaggio. Manches ist Jausenbox und Atemtechnik.


Und genau auf dieses Wiedersehen bereitete ich mich heuer innerlich vor:

Im Angesicht der Jausenbox des Grauens.

Ich arbeitete mich also langsam in der Schultasche nach unten vor und wartete auf den Moment der Wahrheit. Irgendwo musste sie doch sein.


Dann fand ich sie.

Mein Körper erinnerte sich offenbar schneller als mein Kopf.

Entsprechend groß war die Anspannung beim Öffnen. Dieser kurze Moment zwischen Deckel und Wahrheit. Man hebt ihn vorsichtig an, hält unwillkürlich die Luft an und bereitet sich innerlich auf etwas vor, das inzwischen vermutlich einen eigenen Stoffwechsel entwickelt hat.


Und dann: nichts.

Sauber. Leer. Harmlos.

Keine Jause. Kein Geruch. Kein biologischer Zwischenfall.

Ich hatte die Jausenbox am letzten Schultag tatsächlich ausgeräumt.


Ich wusste das nur nicht mehr.

Ich war kurz richtig stolz auf mein vergangenes Ich. Offenbar hatte diese Frau Anfang Juli ihr Leben erstaunlich gut im Griff.

Ich würde sie gerne kennenlernen.


Nach all den Jahren endlich einmal keine vergessene Jause, die über den Sommer vom Lebensmittel zum Forschungsprojekt gereift war.

Man muss die kleinen Siege feiern.


Dabei ist Schuljause ja grundsätzlich eine schöne Idee. Morgens stellt man sich das immer so liebevoll vor: ein Stück Brot, ein bisschen Obst, vielleicht etwas Gesundes, aber nicht so gesund, dass es beleidigt unangetastet wieder heimkommt. Eine kleine mütterliche Botschaft zwischen Edelstahlflasche und Mathematikheft: Ich habe an dich gedacht.


Die Realität ist etwas komplizierter.

Manchmal kommt die Jause zurück. Manchmal halb gegessen. Manchmal in Einzelteilen. Manchmal gibt es in der Box ein Stück Gemüse, das sich über den Vormittag in braune Enttäuschung verwandelt hat.

Manchmal kommt die Box ratzeputz leer retour, begleitet vom Vorwurf meines Sohnes, er hätte viel mehr zu essen gebraucht. Und manchmal verschwindet die ganze Box wochenlang und taucht irgendwann wieder wie ein verschollenes Schiff auf, nur ohne Romantik.


Vielleicht ist das überhaupt das Ding mit Schulanfang: Alle reden von Neubeginn, von frischen Heften, gespitzten Bleistiften und gut sortierten Federpennalen, aber bevor irgendetwas neu beginnen kann, muss man erst einmal das Alte bergen.

Die letzten Reste des vergangenen Schuljahres. Ein Radiergummi, der aussieht, als hätte er wirklich arg gekämpft. Ein Turnbeutel mit Duftnote. Und eben diese stille Angst vor einer Jausenbox, die einem zeigt, dass Zeit nicht nur vergeht.


Sie arbeitet.

Still.

Im Dunkeln.

Manchmal mit Brot.


Ich finde, dafür gibt es zu wenig Vorbereitung in Elternratgebern. Da steht immer, wie man Kinder liebevoll durch Übergänge begleitet, aber nie: Wie öffne ich eine Jausenbox nach den Sommerferien, ohne kurz mein Vertrauen in mich oder in die Menschheit zu verlieren?


Dabei wäre das ein wichtiges Kapitel.

Nicht direkt hineinriechen. Fenster öffnen. Keine Fragen stellen, deren Antwort man nicht verkraftet.


Eine dieser Boxen habe ich damals am Ende gerettet. Glaube ich zumindest. Heute steht sie wieder in der Küche, sehr sauber, sehr unschuldig, als wäre nie etwas gewesen.


Aber ich weiß es.

Die Jausenbox weiß es.

Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit.


Und wenn jetzt das neue Schuljahr beginnt, werde ich wieder Jause einpacken. Natürlich. Mit Liebe, Hoffnung und einem kleinen Stück Gurke, das sich hoffentlich zusammenreißt.


Und vielleicht mit einem inneren Vertrag: Diese Box kommt heim. Jeden Tag. Nicht irgendwann. Nicht nach den Herbstferien. Nicht als archäologischer Fund am Schuljahresende.

Jeden Tag.


Mal sehen, wer sich daran hält.

Die Jausenbox oder das Leben.


 


 

 

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